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Konfliktmoderation in großen Gruppen: Zukunft Naturraum Wutachtal

von Dirk Kron | 21. Oktober 2013


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DSC07613Das Wutachtal, eine ganz besondere Naturlandschaft im Südschwarzwald. Ein ungezügelter Wildwasserfluss, der plötzlich versickert und an anderer Stelle wieder auftaucht. Ein Tal mit stillen und spektakulären Momenten. Für den Lonely Planet Germany eine klare Sache, ein Ziel der Kategorie „das-muss-man-gesehen-haben“: die internationale Reisebibel nennt es daher auch  „grand canyon of southern germany“.

Steigende Besucherzahlen, zunehmend internationales Publikum, größere werdende Reisegruppen und ein gleichbleibend enges Tal mit schmalen meist nicht ganz  leichten Wanderwegen inmitten sensibler Naturräume. Das muss zu Konflikten führen -und tut es auch.

Im Vorfeld der Jubiläumsfeiern zum 75jährigen Bestehen der Wutachschlucht in 2014 erhielten wir vom naturschutzrechtlich zuständigen Regierungspräsidium Freiburg den Auftrag, ein Leitbild gemeinsam mit allen wesentlichen Akteuren in der Region zu erarbeiten. Das Ziel: neues Vertrauen, gemeinsame Ziele und eine nachhaltige Perspektive für den Naturraum Wutachschlucht entwickeln.

Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen, aber wir sind auf einem guten Weg.
Ende September fand nach rund 4-monatiger Vorarbeit eine erste intensive Dialogveranstaltung statt.

Dauer: 1,5 Tage.

Eingeladen: alle Schlüsselakteure von Kommunalvertretern, den Landkreisen, den wichtigen Ehrenamtsverbänden wie Bergwacht oder Schwarzwaldverein, den Interessengruppen wie Fischer, Jäger, Forst, Landwirtschaft, Naturschutz, Tourismus, Freizeit oder Sport.

Das erste Ziel: Vertrauen schaffen, eine Dialogbasis herstellen und herausfinden, wo es Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Sichtweisen und Interessen gibt

Das zweite Ziel: auszuloten, wo künftige Gemeinsamkeiten liegen könnten, die gemeinsam angegangen werden sollten.

Die als „Zukunftswerkstatt“ nicht ganz korrekt bezeichnete Konfliktmoderation fand nach unserem zentralen Grundprinzip „das ganze System in einem Raum“ in der 3-Schluchtenhalle in Bachheim -und somit an einem der Tore zur Schlucht- statt.

Wir hatten den Raum am Vortag „inszeniert“. Unsere Idee: möglichst alle Themen und Teilnehmergruppen auch symbolisch im Raum haben. So hatte uns die Bergwacht mit einer Rettungsdecke versorgt, das Tourismusbüro mit einer Schaufensterfigur im klassischen Schwarzwalddress und Schwarzwälder-Kirschtorte in er Hand, der Naturschutz mit den bekannten NSG-Schildern: schwarzer Seeadler auf weißem Grund mit grüner Umrandung. Aus blauen Tüchern hatten wir die Wutach mitten im  Raum modelliert, in der Mitte ein „Springbock“ ausgeliehen aus dem Turnhallenbestand und auserkoren als Symbol für die Hindernisse, die übersprungen sein wollen, um zu einer gemeinsamen Linie zu finden.

Alle Themen waren somit analog im Raum präsent, als die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer um 9 Uhr die Halle betraten. Zunächst wurde in gemischten Gruppen gearbeitet. Das Ziel: sich kennenlernen und einen „common ground“ schaffen, wie es der Erfinder zahlreicher Grossgruppenkonzepte, den US-Amerikaner Marvin Wiseboard gerne nennt. Den „gemeinsamen Boden“ bereiten, würden wir auf deutsch sagen; eine Grundlage schaffen, auf der alle stehen können mit allen Unterschieden in Interessen und Argumentationen.

Wir stellen hierfür folgende Prozessfrage:  „Was macht den Naturraum Wutachschlucht für mich so besonders, so wichtig, so wertvoll…?“. Aus den Ergebnissen wählte jede Gruppe die 3-4 wichtigsten Punkte aus, um sie dem Plenum vorzustellen.

Es zeigte sich eine erstaunlich große Übereinstimmung: die Artenvielfalt, das geologische Bilderbuch, im Zeitraffer erleben zu können, das Eintauchen in eine andere Welt, der Ruhe, Erholung und eines einzigartigen Naturerlebnisses waren die bestimmenden Begriffe.

Die Ähnlichkeiten der Aussagen überraschten viele und zeigten: es gibt gemeinsam geteilte Wahrnehmungen und eine große Wertschätzung dieses Naturraums.

Nach dem Vorstellen der Ergebnisse einer Bürgerumfrage zum Thema „Zukunft der Wutachschlucht“ ging es in homogen Kleingruppen (jeweils mit Personen aus dem gleichen Themenfeld besetzt) um drei Fragen:

„Wenn wir an den Naturraum Wutach denken,

  1. …was macht uns stolz, 2. …was nervt, 3. …was tut uns leid?“

Aus Sicht der Konfliktarbeit konnten hier indirekt Interessen und Forderungen benannt als auch Selbstkritik geäußert werden. Die kritischen als auch Aspekte der wechselseitigen Anerkennung füllten anschließend den Dialograum.

Bei der Ergebnisvorstellung gab es immer wieder kleinere und auch größere emotionale Reaktionen. Höchste Spannung lag im Raum als 2 Teilnehmer aus verschiedenen Gruppen sich bei einer Präsentation erst verbal in die Haare gerieten, um dann aufzustehen und fast „high-noon-artig“ aufeinander zuzugehen.

Hier wurden stellvertretend für alle Emotionen, Ängste, Sorgen spürbar. Diese Echtheit von Spannungen ist bis zu einem gewissen Grade aus unserer Sicht notwendig und hilfreich für den weiteren Prozess. Ein ruhiges, konzentriertes und sehr präsentes Abwarten der Moderation, gibt der Situation Halt und Sicherheit. Im rechten Moment auf die Kontrahenten zuzugehen, sich zwischen sie zu stellen und eine (kurze) plenare Übersetzungsarbeit zu leisten, signalisiert hier „ernstgenommen zu werden“ und hilft den Konflikt zu klären, soweit es in diesem Rahmen möglich ist. Wichtig ist es die Spannung anzunehmen und den Konflikt nicht weg zu moderieren, sondern ihn und seine Energie zunächst zu würdigen. Und ihn dann ins Konstruktive umzulenken.

Das gelang an dieser Stelle,  und siehe, die beiden Kontrahenten zeigten körpersprachlich, dass Kopf und Bauch wieder kühler wurden und Gesprächsbereitschaft neu am entstehen war. Beide konnten später recht unbefangen wieder aufeinander zugehen. Die  Gesamtgruppe lernt dabei, dass es hier um Aufrichtigkeit geht, sie durchlebt einen Konflikt und seine Klärung rational und emotional mit.

Anschließend schickten wir Konsens- und Dissens-Ranger los, um die bisherigen Arbeitsergebnisse zu sichten und zu schauen, wo es Gemeinsamkeiten und wo es Unterschiede in den Sichtweisen gab. Dadurch hatten wir das Feld inhaltlich schnell sortiert: einer großen Anzahl von Gemeinsamkeiten stand eine deutlich kleinere Anzahl von potenziellen oder tatsächlichen Konflikten gegenüber.

Die jeweiligen Punkte wurden rubriziert, die gebildeten Hauptüberschriften trugen klare Botschaften. Anders jedoch als in einer klassischen Mediation arbeiteten wir nun nicht die wichtigsten Konflikte einzeln durch, sondern setzten auf die Kraft  selbstorganisierter Gruppen: ausgestattet mir 4 Rollen, einem Zeitwächter, einer Moderatorin, eines Schreiberin und eines Sprechers wurde (Konsens und Dissens im Blick) in thematischen Gruppen um eine gemeinsam getragene Vision und inhatliche Leitplanken dorthin gerungen. Dies erfolgte mit erstaunlicher Kreativität und Lösungskompetenz.

Nicht alle Gruppen hatten es leicht in dieser Phase zusammen zu kommen, bei machen hakte es, vereinzelt hörte oder sah man körpersprachlich „dann lassen wir es eben…“. Aber keine Gruppe „ließ es bleiben“, alle rauften sich zusammen und suchten motiviert weiter nach Wegen, um gemeinsam zu Lösungen zu kommen. Bei der anschließenden Ergebnisschau waren wir (und auch die Teilnehmenden selbst) beeindruckt von der Willenskraft und kreativen Lösungsbereitschaft, die sichtbar wurde. Der „common ground“ hatte einen stabilen Boden dafür gebildet.

Ein gemeinsamer Gallery Walk (das Anschauen der Ergebnisse beim Durchwandern einer Ausstellung mit der Möglichkeit zustimmend „Häkchen“ zu setzen oder „Konfliktpfeile“ zu markieren und diese mit Klebezettel zu erläutern) mündete in einem abschließenden gemeinsamen Dialog-Rundgang durch alle Themenfelder.

Hier konnten Anmerkungen und Konfliktpfeile geklärt und Lösungsmöglichkeiten auf einer „mitlaufenden Flipchart“ notiert werden. Häufig zeigte sich, dass Konfliktpfeile gesetzt worden waren, wo  Ergebnisse unklar oder missverständlich formuliert worden waren. Dies konnte dann nachgeholt werden.

Die letzte Arbeitsphase dieser intensiven Werkstatt lautete, die skizzierten Visionen mit Projektideen zu unterfüttern. Dabei gaben wir drei Kategorien vor: kurzfristige Maßnahmen, innovative Projektideen und Ideen mit einer positiven Wirkung besonders für die Gesamtregion.

Hier wurde noch mal mächtig gehirnt. Besonders die „innovative Ideenrubrik“ spornte die Teilnehmenden an nochmals quer zum Gewohnten zu denken. Am Ende türmten sich zahlreiche gute Ideen (auf Kartons notiert) im Raum auf.
Diese wurden präsentiert, gewürdigt, jedoch nicht weiter bewertet.

Eine „Bewertung“ der Umsetzungsideen wird in einer zweiten Werkstatt erfolgen: in dieser Werkstatt im Januar 2014 wird die derzeit im Entstehen befindliche Entwurfsfassung eines Leitbildes (auf Basis der Ergebnisse der ersten Zukunftswerkstatt) gemeinsam abgestimmt und auch eine vorgeprüfte Vorhabenliste (und somit kein  unverbindlicher Wunschzettel) diskutiert und priorisiert werden.

Die Veranstaltung fand neben einem Bericht im Schwarzwälder Boten auch überregionale Presseresonanz in der Stuttgarter Zeitung und der Badischen Zeitung.

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