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Eine Fußgängerzone revitalisieren? Fangen Sie am besten mit einer Ortsbegehung an!

von Dirk Kron | 22. November 2013

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Wußten Sie, dass die erste deutsche Fußgängerzone am 9. November 1953 eröffnet wurde? Die Treppenstraße in Kassel ist somit Geburtsort einer Entwicklung, die die gesamte Republik überrollt hat. Nicht selten gegen massive Widerstände und die stete Angst des Einzelhandels, wer nicht vor dem Schaufenster parken kann ist ein verlorener Kunde. Diese Sicht hat sich verändert, aber auch die Fußgängerzone selbst ist in die Jahre gekommen. Nicht nur, aber auch in Schwenningen.

Somit hat die Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen beschlossen nach der Modernisierung der Fußgängerzone Villingens auch die der Schwesterstadt zu „revitalisieren“. Dass dies bitter nötig ist war das erste Ergebnis des Workshops, der just am Vortag des 9. Novembers am direkten Rand der Innenstadt stattfand.

Zunächst waren alle enttäuscht: nur 15 Teilnehmende waren gekommen. Doch sie bestätigten im Laufe des Nachmittags eine alte Weisheit, bekannt aus dem open space: „Die die da sind, sind die Richtigen“. In 6 Stunden wurde soviel gelacht, so konkret nachgedacht und so beherzt Inhalte entwickelt, dass es eine Freude war. Nicht nur die 12 begleitenden Verwaltungsmitarbeiter hatten plötzlich das Gefühl in einem innovativen Labor der Stadtentwicklung zu sitzen, geprägt vom gemeinsamen Interesse aller Anwesender, dieser Fußgängerzone wieder Leben einzuhauchen. Der Anteil junger Menschen war hoch, Frauen und Männer, die hier studieren oder aufgewachsen sind: Die bereit waren alte Spurrillen zu verlassen, Bekanntes neu zu denken und im Bewusstsein einer lokalen Identität und Verbundenheit Schwenningen weiter zu denken.

Nach einer ersten Analysephase, in der vor allem die fehlende Identität beklagt,  der Branchenmix benannt und eine mangelnde Aufenthaltsqualität herausgearbeitet wurden und auf der Habenseite lediglich die „neuen Fahrradständer“ und das Grün, „das zwar nicht üppig aber immerhin vorhanden ist…“ standen, ging raus Ortsbegehung.

DSC07752Und wieder zeigte sich, dass es wichtig ist vor Ort zu sein. Die einführenden Worte und Strukturen des Rahmenplanes vom beratenden freien Stadtplaners Dr. Bernd Fahle im Ohr wurde die Fußgängerzone mit neuer Achtsamkeit begangen. Der Blick entdeckte dabei manch Übersehens. Und kleine Diskussionen brachten auch Baubürgermeister Fußhöller und den Verwaltungsmitarbeitern neue Erkenntnisse: dass etwa der Brunnen auf dem Muslenplatz, zur Landesgartenschau erst vor kurzem aufwendig saniert, für die Schwenninger Jugend „ein Hassobjekt“ sei (Hinweis: Jugendjargon), ließ einige  verdutzte Gesichter zurück.

Nach fast 2 Stunden in der kalt-sonningen Fußgängerstadt ging es zurück zum Workshoport, wo ein heißer Tee oder Kaffee wartete. Nun wurden die Teilnehmenden darum gebeten zentrale Qualitätskriterien zu erarbeiten, die wichtige Richtungsgeber bei den weiteren Planungen sein sollten. Die Verwaltungsmitarbeiter wurden parallel aufgefordert, was sie während der Begehung bereits von der Gruppe gelernt hatten, was bei Ihnen bisher „angekommen“ war.

Folgende Kriterien wurden genannt:

Die jeweilige Identität der Plätze muss klar herausgearbeitet und visuelle/atmosphärisch umgesetzt werden

Es braucht eine Art Leitsystem durch die Fußgängerzone (durch Begrünung, oder Lichtgestaltung, oder Spiel mit Symbolen).

Die Übergänge zwischen den Plätzen muss klar und überzeugend gestaltet werden, auch optisch (rote Linie?)

Die Plätze müssen in Ihrer Unterschiedlichkeit Aufenthaltsqualität liefern. Dazu zählen Gestaltung, Belege, das Thema Licht, jeweiliges Begrünungskonzept, Gastronomie, Möblierung; zudem sollte es stets interessante Spiel- und angenehme Ruhebereiche geben

Eine einheitliche Beschattung und Bestuhlung sollte gewährleistet werden (Gestaltungskonzept)

Wichtig sind auch die Funktionalität (Anlieferung sicherstellen etc) und die Haltbarkeit/Nachhaltigkeit.

 

Anschließend arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an 5 Teilräumen der Fußgängerzone, die mit Plänen und Leitfragen von der Verwaltung und uns vorbereitet worden waren. Hierbei wurden zahlreiche Ideen und Hinweise geliefert und deutlich gemacht, dass die zugrunde liegende Idee einer perlenkettenartigen Konzeption der Fußgängerzone durch Plätze und klare Verbindungen die Zustimmung aller Anwesenden erhielt.

Da an einem Samstag der Einzelhandel schwerlich teilnehmen kann, ein Abendtermin wegen der Ortsbegehung jedoch keinen Sinn gemacht hätte wurde mit der Vertreterin des Handels vereinbart mit der Händlerschaft einen gesonderten Termin zu organisieren.

Im Februar 2014 wird dann erneut die Bevölkerung eingeladen, wenn die Entwürfe der Planenden vorliegen. Dann wird gemeinsam  zu bewerten sein, inwieweit die Einbringungen und Ideen der Workshop-Teilnehmer sowie die Fachkompetenz der Planer zu Ergebnissen geführt haben, die den herausgefilteten Kriterien gerecht werden. Wir sind wie alle Beteiligten sehr gespannt.

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